Aus den Augenwinkeln

Impulse für den Alltag

„Qualität ist,

was man aus den Augenwinkeln sieht.“

Robert M. Pirsig (1928-2017),

US-amerikanischer Schriftsteller

 

 

In der Rubrik „Aus den Augenwinkeln“ lade ich Sie ein, die Qualität, die innere Beschaffenheit unseres Lebens genauer zu betrachten. Was bewegt mich? Was macht mich aus? Was spricht mich an? Fragen, die unserem Leben Würze und Tiefe geben. Die tagebuchähnliche Form ergibt sich daraus, dass die Reihe während der „Coronakrise“ begonnen wurde, unter dem Eindruck der restriktiven Sicherheitsmaßnahmen und der notwendigen Isolierung von der Außenwelt. Die Texte sind in chronologischer Reihenfolge von oben nach unten geschrieben und beziehen sich zum Teil aufeinander.

15. März 2020

 

Geschenkte Zeit

 

Jede Krise hat auch ihre guten Seiten. Das gilt sogar für die Coronakrise, die gerade erst angefangen hat, unser Leben zu verändern. In meinem eigenen Alltag merke ich diese positive Seite vor allem daran, dass ich plötzlich jede Menge Zeit habe. Mein Kalender geht gerade den umgekehrten Weg wie sonst. Jeden Tag fallen Termine weg. Plötzlich begrenzen sich meine Verpflichtungen auf einige wenige Seminare, Therapiesitzungen oder Coachings per Internet und Telefon. Anfahrten fallen weg. Dazwischen – nichts. Ich kann buchstäblich tun, was ich will. Eine ungewohnte Erfahrung, die mir sehr gefällt. Mir ist bewusst, dass Angehörige bestimmter Berufsgruppen wie Ärzt*innen und Pflegekräfte im Augenblick gänzlich andere Erfahrungen machen und uns allen damit buchstäblich das Überleben sichern. Das macht mich nur noch mehr dankbar für meine eigene Situation

 

Jetzt, zu Beginn dieser stillen Zeit, genieße ich das sehr. Ich spüre, wie sich nicht nur mein äußeres Leben entschleunigt, sondern auch mein Denken und meine inneren Prozesse. Ich atme tief durch, kann mich mit Dingen beschäftigen, für die sonst nie Zeit bleibt.

 

Noch bin ich befasst mit einigen „Aufräumarbeiten“: E-Mails müssen geschrieben werden, Telefonate geführt, Vereinbarungen getroffen werden darüber, wie wir die kommende Zeit gestalten wollen unter Freunden, Kolleginnen.

 

Und doch bricht sich schon eine Art Geruhsamkeit die Bahn, die ich lange nicht erlebt habe. Da gibt es Bücher, die ich seit langem lesen wollte. Der Spaziergang am Rhein muss plötzlich nicht mehr geplant werden, ich kann spontan rausgehen (schließlich muss ich dort ja niemandem die Hände schütteln…). Ich habe täglich Zeit zu kochen, einen schönen Film zu schauen, mit lieben Menschen zu telefonieren. Einen Mittagsschlaf zu machen, wenn mir danach ist. Und so vieles mehr.

 

Ich genieße mein entschleunigtes Leben. Ich genieße meine geschenkte Zeit, solange ich sie habe.

17. März 2020

 

Begrenzter Raum

 

Mein Radius ist momentan stark begrenzt. Da ist mein Schlafzimmer, mein Wohnzimmer, der Rest meiner Wohnung mit Küche, Bad und Flur. Ein bisschen Waschküche, gelegentlich der Ausflug in den Kellerraum. Der Briefkasten, die Müllecke. Das war´s.

 

Während ich schreibe, sitze ich an meinen Schreibtisch vor dem Fenster im Wohnzimmer und schaue hinaus. Die Bäume sind seit gestern dem Frühling viel näher gekommen. Überall Knospen, Blüten, zartes Grün. Die Vögel zwitschern. Wir Menschen fehlen ganz offensichtlich nicht. Auch das ein seltsames Gefühl.

 

Der begrenzte Raum zwingt mich dazu, das mit deutlich mehr Aufmerksamkeit zu betrachten, was ist. Ich versuche, meine Umgebung genauer anzuschauen: Die Uhr auf dem Tisch, die Duftlampe. Die kleine Königinnenfigur auf meinem Tisch mit dem Schmuckteelicht daneben. Zwei kleine Aufmerksamkeiten von lieben Menschen.

 

Mein Raum ist derzeit stark begrenzt, und ich empfinde gelegentlich – wie ein Freund das nennt – eine Art „Lagerkoller“. Mein Impuls ist, rauszugehen und so zu tun, als wäre nichts. Aber ich würde mir etwas vormachen. Es ist etwas, es ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung momentan.

 

Also nutze ich den Raum, den ich habe. Ich kann mich entscheiden, ob ich mich beengt fühle und reduziert – oder ob ich mich dem zuwende, was ich habe. Ich entscheide mich für das zweite. Meinen Raum kann ich nutzen, meine kleine Welt ist momentan die einzige, die ich habe. Viele andere haben nichtmal das. Ein Grund mehr, damit einverstanden zu sein.

28. März 2020

 

Nähe in der sozialen Distanzierung

 

Vor exakt 14 Tagen habe ich das letzte Mal das Haus verlassen. Ich gehöre zu den sogenannten „gefährdeten Personengruppen“, was das auch immer genau sein soll. Grundsätzlich fällt es mir nicht schwer, zu Hause zu sein. Ich arbeite viel von zu Hause aus und mag meine Wohnung. Dennoch bedrängt es mich zunehmend, kaum Menschen in meiner unmittelbaren Nähe zu haben.

 

Zugleich gibt es ein seltsames Phänomen, das ich an mir selbst beobachte: Ich hatte kaum jemals so viel täglichen Kontakt zu anderen Menschen wie jetzt. Nicht körperlich, versteht sich. Aber mein Telefon steht nicht still. Und das noch ungewohnte Instrument der Videokonferenz ist aus meinem jetzigen Alltag nicht wegzudenken. Ich sehe Menschen, spreche mit ihnen, tausche mich aus, arbeite mit ihnen über die Entfernung hinweg.

 

Das zeigt mir, dass Nähe nicht zwingend abhängig ist davon, ob wir uns mit anderen Menschen in einem Raum befinden oder nicht, ob wir im Garten oder einem Park zusammen picknicken oder per Videokonferenz ein „gemeinsames“ Dinner erleben, ob wir bei einer Veranstaltung in der ersten Reihe sitzen oder vielleicht aus der Ferne über YouTube, Facebook oder Streaming-Plattformen teilnehmen.

 

Manche Menschen, besonders auch ältere, entdecken gerade diese Medien als Möglichkeit, zu Hause nicht zu vereinsamen. Ich wünsche mir, dass viele von den Technikerfahrenen denen, die sich damit noch nicht so viel beschäftigt haben, zeigen – wenn auch aus der Ferne –, wie das funktioniert. So können wir auch in der sozialen Distanzierung, die die Corona-Pandemie uns abverlangt, miteinander in Beziehung sein und Nähe erleben.

 

Ich bin bereit, mich selbst dafür zu engagieren, dass niemand vereinsamt. Ich biete mich an als Gesprächspartnerin und als Beraterin für die, die jetzt den Umgang mit Onlinemedien erlernen möchten.

28. März 2020

 

Eine Gesellschaft

 

ich lese in den letzten Tagen immer wieder, dass man die Coronakrise auch dadurch bewältigen könnte, dass man besonders gefährdete Personengruppen „schützt“ und die Jungen und Gesunden gezielt dem Risiko einer Infektion aussetzt. Dadurch soll eine Art Herdenimmunität entstehen, indem möglichst viele Menschen die Krankheit durchlaufen. So könnte, so sagen es manche Experten (und solche, die es gerne wären), der massive wirtschaftliche und soziale Schaden durch zu lange Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen begrenzt werden.

 

Ich habe so wie viele andere Angehörige „besonders gefährdeter Personengruppen“ einen Kloß im Hals, wenn ich das lese. Was schützt in einem solchen Fall uns davor, dass unser Pflegekräfte und andere Helferinnen und Helfer den Virus zu uns tragen? Schutzbekleidung wäre eine Möglichkeit, doch die ist im Moment so gut wie nicht mehr zu bekommen.

 

Eine andere Frage stellt sich mir genauso dringend.

 

Was für ein Bild von Gesellschaft haben wir, wenn wir davon ausgehen, dass der eine Teil der Gesellschaft so weitermachen kann wie bisher und der andere schlicht für eine Weile isoliert werden kann? Wir sprechen hier nicht nur von 90 Jahre alten schwer kranken Menschen. Wir sprechen auch von der 20 Jahre alten Studentin mit Diabetes, dem 30 Jahre alten übergewichtigen Produktmanager mit Bluthochdruck und dem 40-jährigen Bankkaufmann mit Asthma. Und von Menschen mit allen möglichen Erkrankungen und Behinderungen, die einen Beruf haben und eine Familie – ein aktives Leben. Wo zieht man die Grenze? Kann man eine demokratische Gesellschaft einfach so aufteilen? Kann man die einen möglicherweise mit Androhung von Sanktionen in die Isolation zwingen und die anderen ein mehr oder weniger normales Leben führen lassen?

 

Ich bin sehr froh darüber, dass unsere Regierung in Deutschland derzeit einen anderen Weg geht. Alle Menschen sind nach diesem Weg gleich schützenswert, alle haben den gleichen Beitrag zu leisten. „Abstand ist ein Ausdruck von Fürsorge“, dieser Satz von Angela Merkel klingt mir noch laut in den Ohren. Fürsorge für alle von allen.

 

Ich möchte mich konzentrieren auf die Gestaltung einer Gesellschaft, in der Solidarität in alle Richtungen geht und die nicht aufteilt in „Starke“ und vermeintlich „Schwache“. Ich möchte eine Gesellschaft vertreten, die die Besonderheiten, Stärken und Schwächen aller anerkennt.

Kontakt und Terminvereinbarung

stand op! Praxis für Veränderungsprozesse

Dr. Annette Standop
Kasernenstr. 14
53111 Bonn

 

0178 - 18 93 893

kontakt (a) standop.de

 

 

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