Zitat der Woche

30. September bis 6. Oktober 2019

 

"Dinge werden nicht allein dadurch wahr,

dass jemand für sie stimmt."

Oscar Wilde (1854-1900), irischer Schriftsteller

Jede Meinung unter der Sonne findet ihre Anhänger. Ich selbst befinde mich selbstverständlich immer im Recht, und die anderen – im Unrecht, logisch. Merkwürdigerweise sehen sie das aber nicht. Und noch schlimmer: Sie finden, dass sie Recht haben und ich Unrecht. Also steht Meinung gegen Meinung. Oder Wahrheit gegen Wahrheit. Wahrheit? Meine Wahrheit fühlt sich richtig an, unangenehm ist nur, dass andere Menschen das von ihrer Wahrheit auch sagen.

 

Aus diesem Dilemma, die „wahre“ Wahrheit nicht unfehlbar erkennen zu können (ein Privileg, das bestenfalls die Päpste für sich in Anspruch nehmen können) komme ich nur heraus, wenn ich mich bei allem frage, wozu es dient. Oft geht es nicht um die Wahrheit, sondern um die Absicht. So komme ich den unterschiedlichen Meinungen leichter auf die Schliche. Und kann auch meine eigene Wahrheit immer wieder neu überprüfen.

23.-29. September 2019

 

"Qualität ist,

was man aus den Augenwinkeln sieht."

Robert M. Pirsig (1928-2017), US-amerikanischer Autor und Philosoph

Ich liebe es, auf dem Fußweg durch die Stadt oder auch auf der Autobahn alles um mich herum aufzusaugen. Die Menschen, wie sie sich bewegen … Gesprächsfetzen im Straßencafé, an dem ich vorbeigehe … Ein herbstlich verfärbter Baum am Straßenrand … Ein besonders auffälliges Gebäude oder ein Gegenstand, der achtlos herumliegt … Alles kann interessant sein, wenn ich es vorbehaltlos auf mich wirken lasse und – vor allem – wenn ich es nicht ausblende oder übertöne.

 

Besonders leicht übertönen kann ich es im wahrsten Sinne des Wortes mit Musik auf den Ohren oder im Autoradio. Das habe ich mir schon lange abgewöhnt, denn ich hatte irgendwann den Eindruck, wie in einem Kokon abgeschirmt zu sein von der Welt, die mich umgibt. Was entgeht mir alles dabei!

 

„Übertönen“ kann ich es allerdings auch durch meine Gedanken und dadurch, dass ich mich in mich zurückziehe anstatt Kontakt aufnehmen mit meiner Umgebung. Dieses Verhalten kann ich nicht so einfach ändern, indem ich etwas ausschalte. Auch dann habe ich manchmal den Eindruck, dass ich gar nicht wirklich dort bin, wo ich bin. Oder den Weg dorthin verpasst habe, wo ich angekommen bin.

 

Ich habe dann die Qualität, also die besondere Eigenart und Beschaffenheit dessen übersehen, was mir begegnet ist. Qualität ist das, was ich nur wahrnehmen kann, wenn ich wirklich offen bin und mich dem stelle, was mir begegnet. Dann kann es auch passieren, dass ich kleine Nebensächlichkeiten, die ich sonst sicher verpassen würde, wahrnehme und darüber ins Staunen komme. Wie zum Beispiel die kleine tapfere Rosenknospe, die sich noch jetzt Ende September in die Welt kämpft und aufblüht. Ich habe sie buchstäblich aus den Augenwinkeln gesehen, als ich schon fast daran vorbei war. Und ich habe mich gefreut, an jenem Abend war diese Rosenblüte für mich der besondere Höhepunkt meines Nachhausewegs.

 

Die Qualität, die jeweilige Eigenart unserer Umwelt, drängt sich uns nicht auf. Wir öffnen uns dafür oder verschließen uns. Und haben im Zweifelsfall etwas ganz Besonderes verpasst. Wir haben die Wahl.

16.-22. September 2019

 

„Lasse das Verhalten anderer

nicht deinen inneren Frieden stören.“

Tenzin Gyatso (*1935), 14. Dalai Lama

Wenn jemand weiß, was dieses Zitat bedeutet, dann dieser Mann. Der 14. Dalai Lama musste als frisch gewähltes Staatsoberhaupt der Tibeter im zarten Alter von 15 Jahren vor chinesischer Verfolgung zunächst nach Indien fliehen und wurde später von den Besatzern seines Landes zur weitgehenden Abgabe der tibetischen Autonomie gezwungen. Er ließ sich darauf ein, in Peking zum Abgeordneten des Ständigen Volkskongresses gemacht zu werden und begann einen halsbrecherischen Spagat zwischen der Vertretung der nationalen Interessen von Tibet und der Besänftigung der chinesischen Regierung. 1989 mit dem Friedensnobelpreis geehrt ist der Dalai Lama bis heute ein Inbegriff von Friedenspolitik und spiritueller Tiefe. Als Religionsführer steht er mit Würdenträgern anderer Religionen und vieler Nationen ebenso in Kontakt wie mit religiösen Suchenden aus allen Kulturen und Altersklassen.

 

Wieso berührt mich dieses Zitat so? Was der Dalai Lama zum Ausdruck bringt, kann ich täglich erfahren. Wie oft nervt, ärgert oder beeinflusst mich das Verhalten anderer Menschen, die meine Wege kreuzen! Es müssen nicht einmal schwerwiegende Dinge passieren. Oft genügt es schon, wenn mich jemand nicht grüßt, mich ungerechtfertigt kritisiert oder mir Dinge vorwirft, die ich angeblich getan habe. Ganz zu schweigen von den Personen, mit denen ich tatsächlich in unterschiedlichen Zusammenhängen in Konkurrenz oder Streit liege.

 

Manchmal bemerke ich, dass ich noch Stunden nach solchen Begegnungen – oder sogar Stunden davor! – innerlich aus dem Gleichgewicht bin. Ich führe innere Dialoge mit diesen Personen, lege ihnen in Abwesenheit meine Argumente dar und vergewissere mich, dass ich im Recht bin. Ich male mir in den grellsten Farben aus, wodurch sie mich beeinträchtigen oder auf welche Weise sie mir schaden könnten. Oder, ich gebe es zu: Ich überlege mir, wie ich ihnen ein Schnippchen schlagen und sie meinerseits beeinträchtigen kann.

 

Niemand kann meinen inneren Frieden gefährden – außer ich selbst. Niemand sitzt in meinem Kopf und rührt darin um. Das kann ich ganz alleine. Ich bin grundsätzlich nicht gezwungen, mit Menschen engere Beziehungen einzugehen, die mir nicht gut tun. Ich bin auch nicht gezwungen, mich von Unfreundlichkeit oder negativen Aktivitäten anderer Menschen innerlich aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Es genügt, in der jeweiligen Begegnung darauf zu reagieren. Dann kann ich mich umdrehen und mich wieder meinem eigenen Leben zuwenden. Ein hoher Anspruch, aber ich kann es üben.

9.-15. September 2019

 

„Was keine Pause kennt,

ist nicht dauerhaft.“

Ovid (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.), römischer Dichter

Eine typische Arbeitswoche. Montag bis Freitag viele Termine, gelegentlich unterbrochen von Bürophasen, den täglichen Haushaltspflichten und ab und zu einer privaten Verabredung. Samstag ein Seminar und abends noch ein Pflichttermin. Und dann kommt der Sonntag. Ich denke darüber nach, was in der Woche liegen geblieben ist und was ich heute vielleicht erledigen kann – und weil Sonntag ist, dann eben im Pyjama und mit einer schönen Tasse Tee vor der Nase.

 

Aber ist es das? Nicht nur die alte Geschichte mit dem Sonntag als Tag des Herrn und Ruhetag lässt mich zögern, mein Vorhaben umzusetzen. Ich habe den Eindruck, dass ich dringend eine Pause nötig habe. Dass ich den Kopf frei bekommen muss und all den Erlebnissen und Erfahrungen der Woche Raum geben muss, sich zu setzen und ihre Wirkung zu entfalten.

 

Ähnliches kenne ich auch von zurückliegenden Lebensphasen. Nach Zeiten großer Aktivität brauchte ich immer wieder längere Ruhezeiten, nicht ganz inaktiv, aber doch zurückgenommen. Es gab auch eine Zeit, in der ich tatsächlich völlig „außer Betrieb“ war. Im Rückblick betrachtet war diese für mich damals als ausgesprochen unangenehm erlebte Zeit dringend notwendig, um wieder zu mir zu kommen und neue Kraft zu tanken. Rückblickend habe ich verstanden, dass ich in dieser Zeit auch das verarbeitet, verdaut und zu mir genommen habe, was ich zuvor gelernt und getan hatte. Wie beim Essen: Kauen und Schlucken allein genügen nicht, nur beim Verdauen ziehen wir die Nährstoffe aus der Nahrung und können ihre Energie für uns nutzen.

 

Der römische Dichter Ovid bringt dies auf eine kurze Formel: Nur die Dinge, die wir gelegentlich unterbrechen und denen wir Zeit zur Festigung geben, haben Bestand und Nachhaltigkeit. Deshalb gibt es im Sport die Rede von der „lohnenden Pause“ vom Training, damit Muskeln und der ganze Organismus auch wirklich etwas von der Anstrengung haben. Nur so festigt sich das, was zuvor geübt wurde. Ich versuche deshalb, solche Pausen nicht nur am Sonntag (oder einem anderen passenden Tag der Woche) einzulegen, sondern auch in meinen Arbeitsalltag einzubauen.

2.-8. September 2019

 

„Wäre es nicht so,

wäre es ein bisschen anders.“

Michael Becker (1948 bis 2012), Soziologe und Philosoph

Gestern bei einer Führung über den Alten Friedhof in Bonn blieb mein Blick an einer Plexiglas-Tafel hängen, die auf einem Grab angebracht war. Dieser Spruch stand darauf, und ich musste spontan herzhaft lachen. Wie einfach das doch klingt!

 

Da mache ich mir Jahr ein, Jahr aus Gedanken darüber, was wohl passiert wäre, wenn ich mich doch für das andere Studium eingeschrieben hätte, damals, 1986 … Oder was wohl aus mir geworden wäre, wenn sich eine bestimmte Liebesbeziehung nicht zerschlagen hätte … Oder ob es wohl die richtige Entscheidung war, mich politisch oder kirchlich in die eine oder andere Richtung hin zu entwickeln – oder genau nach Bonn zu ziehen und nicht woanders hin …

 

Ich gebe zu, dass mich Gedankenspiele dieser Art häufig beschäftigen. Was wäre, wenn? Wie anders wäre es denn nun? Und: Wer wäre ich dann eigentlich? Habe ich wirklich alles richtig gemacht? Und, schlimmer: Was ist eigentlich richtig?

 

Der mir unbekannte Soziologe und Philosoph Michael Becker hatte auf solche Überlegungen eine recht lapidare Antwort, wie ich finde. Ich lese daraus: So what? Macht es wirklich Sinn, ist es wirklich die Mühe wert, sich darüber Gedanken zu machen? Mein Leben ist die Summe aller Entscheidungen, Begegnungen und Zufälle, die darin stattgefunden haben. Es hätte anders kommen können, aber es ist genau so gekommen – und bei Licht betrachtet ist es so völlig in Ordnung. Es ist eben so und nicht ein bisschen anders. Und das ist auch gut so.

26. August bis 1. September 2019

 

"Erneut versuchen.

Erneut versagen.

Besser versagen."

Samuel Beckett (1906-1989), irischer Schriftsteller

Es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht gut. Kontakte halten zum Beispiel. Meine Freunde und Freundinnen müssen sehr leidensfähig sein, denn es kann sein, dass sie über lange Zeit hinweg nichts von mir hören. So oft schon habe ich mir vorgenommen, regelmäßig mal anzurufen oder zumindest eine E-Mail zu schreiben – es gelingt mir über kurze Zeit, dann verfalle ich wieder in Schweigen. Zum Glück melden sich die anderen bei mir, das rettet unsere Freundschaften. Glücklich bin ich nicht über diesen Zustand, ich habe ein schlechtes Gewissen. Und doch habe ich es bisher nicht geschafft, nachhaltig etwas daran zu ändern.

 

Auch hier gilt für mich die alte Erfahrung „Übung macht den Meister“, oder, wie es Samuel Beckett sagte: Es immer wieder versuchen, immer wieder scheitern, aber jedes Mal mit ein bisschen mehr Erfolg. Ich muss die Dinge üben. Das kostet Schweiß und manchmal auch Tränen. Versagen ist keine Schande, denn versagen kann ich nur, wenn ich es immer wieder versuche. Es nicht zu versuchen wäre „eine Schande“ oder, in meinen Worten: das endgültige Versagen. Also bleibe ich dran und versuche, zumindest jedes Mal ein bisschen besser zu versagen.

19.-25. August 2019

 

„Ein großer Teil der Sorgen besteht

aus unbegründeter Furcht.“

Jean-Paul Sartre (1905 bis 1980), französischer Existenzialist

Das Wort Furcht steckt in erstaunlich vielen Worten. Furchtbar zum Beispiel. Oder furchtlos. Oder auch fürchterlich. Das für mich interessanteste Wort ist allerdings „Befürchtung“.

 

Befürchtungen können unglaublich real wirken, ohne dass sie real sind. Ich nenne das Befürchtungsrealität. Diese Art von Realität kann mich massiv beeinflussen, mich an wichtigen Vorhaben hindern. Sie kann mich buchstäblich um den Schlaf bringen und mir die Kraft aussaugen.

 

Ihr Gegenstück ist die „reale Realität“. Erstaunlicherweise ist diese häufig wesentlich weniger bedrohlich als ihre Schwester. In der realen Realität habe ich normalerweise Handlungsmöglichkeiten, die verhindern, dass meine schlimmsten Befürchtungen Wirklichkeit werden. Das Gemeine ist, dass meine Befürchtungen für mich gefühlt genauso real sind wie die echte Wirklichkeit. Deshalb hilft es auch überhaupt nicht, wenn ich mir selbst sage (oder jemand anders das tut), dass ich mir doch nur etwas einbilde, mir keine Sorgen machen soll oder – ganz schlimm – ich mich mal nicht so anstellen soll …

 

Der erste Weg, meine Befürchtungen zu überwinden ist, sie zunächst anzuerkennen als einen Teil meiner Wirklichkeit, als etwas, das zu mir gehört und mich bewegt. Sie sind real, weil sie äußerst wirkmächtig sind. Je mehr ich mich dagegen wehre und je mehr ich sie ignorieren möchte, desto wirksamer sind sie. Das ist ähnlich wie bei der alten Übung, in der man sich bitte keinen Elefanten im Raum vorstellen soll. Den Menschen möchte ich sehen, der nicht sofort einen Dickhäuter vor Augen hat … Und doch fallen meine Befürchtungen oft in sich zusammen wie ein Luftballon, in den man eine Nadel sticht, sobald ich eine einfache Frage stelle: Ist das wirklich so?

 

Was ist gerade wirklich los? Wie real ist die Gefahr, meinen Job zu verlieren, wirklich? Und selbst wenn das passieren sollte: Lande ich dann tatsächlich unter der Brücke und verliere alles, was ich habe?

 

Die Bereitschaft, durch meine Befürchtungen hindurch zu dem vorzustoßen, was „wirklich ist“, ist meine beste Chance, meinen Befürchtungen zu entgehen. Und dann sehe ich, dass ein großer Teil meiner Sorgen sich in Wohlgefallen auflöst.

12.-18. August 2019

 

„Die Fähigkeit, das Wort ‚Nein‘ auszusprechen,

ist der erste Schritt zur Freiheit.“

Nicolas Chamfort (1741-1794), französischer Schriftsteller

Vieles möchte ich machen. Andere Menschen wollen zusätzlich, dass ich bestimmte Dinge mache. Irgendwann wird es zu viel. Ich merke, dass ich beliebig werde und allein durch die Menge meiner Aktivitäten das nicht mehr geregelt bekomme, was mir besonders wichtig ist. Oder ich verzettele mich in dem Bemühen, es allen Menschen recht zu machen.

 

Es gibt einen einfachen Ausweg: Gelegentlich einmal „Nein“ sagen, wenn jemand etwas von mir will, das im Moment einfach nicht geht oder das ich schlicht nicht machen will. „Nein“ sagen auch zu mir, wenn der zehnte interessante Arbeitskreis oder die dritte spannende Dienstreise lockt und ich in Gefahr stehe, auch das alles noch reinzupacken in meinen Alltag.

Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist – ich habe als Kind noch gelernt, dass es unhöflich ist, direkt und unverblümt „Nein“ zu sagen. Heute weiß ich, dass es unhöflich ist, Ja zu sagen und hinterher das Versprochene nicht einhalten zu können. Für mich ist das Wort Nein heute ein Schritt hin zu der Möglichkeit, die Dinge umzusetzen, die ich aus ganzem Herzen umsetzen möchte. Ein echter Schritt zur Freiheit.

5.-11. August 2019

 

„Verschiebe nicht auf morgen,

was genauso gut auf übermorgen verschoben werden kann.“

Mark Twain (1835-1910), amerikanischer Schriftsteller

Es ist Sonntag. Am Mittwoch habe ich ein Seminar zu halten. Das Wetter ist schön, außerdem ist Wochenende, und am Sonntag sollte ich sowieso nicht arbeiten … Also bereite ich das Seminar morgen vor, reicht ja auch noch. Andererseits habe ich morgen einige Termine und am Dienstag noch mehr davon. Was also, wenn ich morgen mit der Vorbereitung nicht fertig würde? Am Dienstag habe ich dafür keine Zeit. Also ist es sinnvoller, mich eben heute um das Seminar zu kümmern.

 

So habe ich dieses Zitat von Mark Twain an der eigenen Haut erfahren. Verschieben ist etwas Wunderbares, aber nur dann, wenn ich Dinge im Zweifelsfall auch noch weiter verschieben kann. Geht das nicht, sollte ich meine Angelegenheiten lieber direkt heute erledigen. So einfach kann das sein. Halte ich mich daran, weiß ich immer, was ich problemlos verschieben kann und was nicht.

29. Juli bis 4. August 2019

 

„Ein jeder Mensch bedarf zur Entwicklung seiner Kräfte

einer Reihe kalter und regnerischer Tage.“

(Emil Jakob Jonas, Redakteur und Schriftsteller, 1824-1912)

„Er ist ein echtes Sonnenkind!“ – „Sie steht auf der Sonnenseite des Lebens.“ – Solche und ähnliche Ausdrücke verwenden wir, um herauszustellen, dass jemand ein echter Glückspilz ist, eine vom Leben begünstigte Person, ein Gewinnertyp. Wenn ich genauer hinter diese Sätze schaue, fällt mir etwas Merkwürdiges auf: Ich muss mir das genaue Gegenteil vorstellen können, um zu begreifen, was eigentlich damit gemeint ist. Das Gegenteil von einem Sonnenkind könnte beispielsweise ein Sauertopf sein, ein Miesepeter, ein Mensch, der immer eher das halbleere Glas sieht als das halbvolle. Dazu habe ich in der vorletzten Woche etwas geschrieben. Und wenn es eine Sonnenseite des Lebens gibt, muss es auch eine Schattenseite geben. Dazu muss nichts weiter gesagt werden, wir alle haben dazu unsere ganz persönlichen Bilder im Kopf.

 

Wie kommt man aber auf die Sonnenseite? Und wird man als Sonnenkind schon geboren? Für manche Menschen mag das zutreffen. Für die meisten nicht. Und hier kommt das Zitat im Spiel, das ich heute ausgesucht habe als Zitat der Woche.

 

Um mein ganzes Potenzial wirklich entfalten zu können, braucht es ein gewisses Maß an Herausforderungen, an Widerstand von außen, an Gegenwind. Wenn in meinem Leben immer alles reibungslos funktioniert hat, kann ich gar nicht so genau wissen, wo meine besonderen Fähigkeiten, meine Widerstandskräfte und mein Potenzial liegen. Erst dann, wenn es kritisch wird, wenn ich in eine Krise gerate, muss ich auf das zurückgreifen, was in mir steckt.

 

Ich als bekennender Serienjunkie schaue gerade eine amerikanische Anwaltsserie, „The Good Wife“. Darin geht es um eine amerikanische Hausfrau und Mutter, Gattin eines erfolgreichen Oberstaatsanwalts, deren größtes Problem darin besteht, in welches Restaurant sie heute mit ihrer Tennisfreundin zum Lunch gehen möchte. Als ihr Mann über einen Korruptionsskandal stolpert und ins Gefängnis kommt, muss sie von einem Tag auf den anderen für sich und die beiden Kinder sorgen und kehrt zurück in ihren Beruf als Anwältin, in dem sie für zwölf Jahre pausiert hatte. Anfangs unsicher und ohne Selbstvertrauen entwickelt sie sich nach und nach zu einer brillanten Anwältin, die auch von ihren Gegnern geachtet und respektiert wird. Nach der Entlassung ihres Mannes aus der Haft geht sie den neu eingeschlagenen Weg weiter.

 

Was mich an dieser Geschichte fasziniert ist ihre Entwicklung von der sorgenfreien Vorstadtmama hin zu einer resoluten Anwältin, die weiterhin eine gute und liebevolle Mutter ist. Zugegeben: Hollywood lässt grüßen. Doch hinter dieser Geschichte steckt die alte Erfahrung, dass wir an Widerständen wachsen und erst zu dem Menschen werden, der wir sein können. In diesem Sinne brauchen wir auch die kalten und regnerischen Tage, um uns später möglicherweise auf der Sonnenseite wiederzufinden. In diesem Sinne: haben Sie eine gute, nicht allzu heiße und nicht allzu verregnete Woche!

 

22.-28. Juli 2019

 

„Nicht ohne Befriedigung denke ich an die Fehltritte zurück,

die ich mir in meinem Leben habe zuschulden kommen lassen:

Hätte ich sie damals nicht begangen, ich stünde heute

als ein Schlechterer da.“

(Hermann Alexander Graf Keyserling, Philosoph, 1880-1946)

Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Nicht immer gehe ich im wörtlichen und im übertragenen Sinn den geraden Weg, manchmal verirre ich mich und gerate auf unbekanntes Gelände.

 

Ich könnte jetzt sagen, dass das verschenkte Zeit ist, vergeudete Kraft und letztlich ein „Fehltritt“, den ich besser vermieden hätte. Keine schöne Vorstellung, finde ich!

 

Manchmal aber entdecke ich auf diesen Umwegen „neues Land“, kann Erfahrungen machen, mit denen ich nicht gerechnet hätte. In meinem Leben waren das beispielsweise die ersten beiden beruflichen Stationen. Ich habe mich an beiden Arbeitsplätzen fremd gefühlt, nicht die Aufgaben bearbeitet, die mir eigentlich liegen und gefallen. Es war über lange Strecken mühsam, stressig, nicht gut für meine Gesundheit. Im Rückblick weiß ich aber, dass ich dort Erfahrungen und Kenntnisse gewonnen habe, die ich bis heute gut gebrauchen kann: kaufmännische Kenntnisse beispielsweise oder einen konstruktiven Umgang mit konfliktreichen Situationen am Arbeitsplatz.

 

Ich könnte diese jahrelangen Umwege als Fehltritte verbuchen, wenn ich nur darauf schauen würde, wo ich hin wollte (und damals nicht war) und wo ich heute bin. Oder ich kann sehen, dass ich ohne diese Umwege heute dort nicht wäre, wo ich bin und wo ich „richtig“ bin.

 

Die Entscheidung darüber treffe ich. Und ich persönlich weiß, dass ich heute als eine Schlechtere, Ärmere dastehen würde, wenn es diese „Fehltritte“ in meinem Leben nicht gegeben hätte.

 

15.-21. Juli 2019

 

"Nicht die Dinge selbst,

sondern nur unsere Vorstellungen über die Dinge

machen uns glücklich oder unglücklich."

(Epiktet, griechischer Philosoph, 50-138)

Ein Zahnarztbesuch steht bevor. Für alle, die es nicht wissen: Ich hasse Zahnarztbesuche. Schon der Geruch, der mir beim Öffnen der Praxistür entgegenströmt – grauenvoll. Und erst die Geräusche aus dem Behandlungszimmer, dieses Sirren und Kreischen der Instrumente, sie lassen mich in einen Modus der Todesangst fallen.
 

Nun ist es aber auch Tatsache, dass ich bisher noch jeden Zahnarztbesuch lebend überstanden habe. Und nicht nur das, ich hatte zwar manchmal Schmerzen nach der Behandlung, aber es ging mir wirklich jedes Mal besser als zuvor. Nicht zuletzt das wundervolle Gefühl, dass ich jetzt mal wieder für eine Weile Ruhe habe, hat meine Entspannung und mein Wohlbefinden gesteigert.

 

Ich frage mich, was es dann ist, das mich vor einem Zahnarztbesuch in einen Zustand bringt, der mehr an die Erwartung eines bevorstehenden Vulkanausbruchs erinnert als an die Erwartung ärztlicher Hilfe.

 

Es ist, wenn ich ehrlich bin, die schiere Vorstellung davon, was mich alles erwarten KÖNNTE. Der Arzt entdeckt ein Loch und bohrt es auf, ich verliere alle (selbstverständlich alle!!) meine Zähne, Schmerzen könnten meinen Kopf zerreißen. Ach wie gruselig schön, sich dies in den plastischsten Farben vorzustellen. Kein Wunder, dass ich Jahr für Jahr mit der Terminvereinbarung für die Vorsorgeuntersuchung ringe.

 

Also stelle ich es mir versuchsweise einmal anders vor. Die Tür zur Zahnarztpraxis öffnet sich. Ich rieche Desinfektionsmittel und andere medizinische Flüssigkeiten – ein Zeichen für Hygiene und aktives ärztliches Handeln. Wie schön, dass hier auf äußerste Sauberkeit geachtet wird, genau das will ich als Patientin auch. Die Geräusche aus dem Behandlungszimmer lassen mich darauf schließen, dass jetzt gerade einem Menschen geholfen wird. So wie nachher auch mir, wie ich hoffe. Die Geräusche sind tatsächlich unangenehm und laut, aber ohne diese Geräusche würden Zähne weiterhin vereitern und ausfallen. Und das wird eben jetzt verhindert, zum Glück, genau dafür sind wir ja alle hier …


Meine Haltung und mein Empfinden den Dingen gegenüber, die mir täglich begegnen, wird entscheidend beeinflusst von der Art, wie ich darauf schaue. So ähnlich wie die Geschichte mit dem halbvollen oder halbleeren Glas. Meine Interpretation lässt mich Mangel oder Fülle erfahren, je nachdem. Von daher habe ich es durchaus in der Hand, ob ich mich entspanne oder vor Angst erstarre. Ich bin dem, was passiert, nicht vollständig ausgeliefert. Ich kann mich dazu verhalten, oder, in den Worten von Epiktet: Ich habe Einfluss darauf, ob ich glücklich oder unglücklich sein will.

7.-14. Juli 2019

 

„Jeder Augenblick

hat eine besondere Botschaft.“

Hazrat (Pir-o-Murshid) Inayat Khan (1882-1927),

Gründer der internationalen Sufi-Bewegung

Morgen habe ich eine schwierige berufliche Besprechung. Nächste Woche bin ich Gast auf der Hochzeit einer alten Freundin. Ich habe noch einen knappen Monat Zeit, bis ich meine Steuererklärung abgeben muss. Und jetzt? Tja, keine Ahnung …

 

Mir persönlich liegt es näher, meine Aufmerksamkeit auf Dinge zu richten, die irgendwo in der Zukunft liegen. Zu einem gewissen Maß ist das notwendig, manche Dinge brauchen Vorbereitung und regeln sich nicht von einem Tag auf den anderen.

 

Um diese Dinge gut regeln zu können, handle ich aber im Hier und Jetzt. Und nicht nur das – genau jetzt passieren Dinge um mich herum, die ihre eigene Qualität haben. Der Mensch, der mir gerade auf der Straße zulächelt. Die spielende Katze auf dem Balkon. Neue Blüten am Rosenstrauch vor meiner Wohnungstür. Ein wunderbarer Sonnenuntergang am Ende eines heißen Tages. Kleine Dinge, die ich gerne übersehe und die ich sehr genieße, wenn ich mich entscheide, sie bewusst wahrzunehmen.

 

Und genau das ist es – ich entscheide mich, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten möchte. Das ist wie mentale Gymnastik. Ich gehe gedanklich in die Zukunft und kehre in die Gegenwart zurück. Wie jetzt gerade, ich schreibe einen Artikel und betrachte zwischendurch ganz bewusst das Farbspektakel der blühenden Orchidee auf meiner Fensterbank, während die Gedanken kommen und gehen. Das verstehe ich unter „Jeder Augenblick hat seine besondere Botschaft.“

 

Kontakt und Terminvereinbarung

stand op! Praxis für Veränderungsprozesse

Dr. Annette Standop
Kasernenstr. 14
53111 Bonn

 

0178 - 18 93 893

kontakt (a) standop.de

 

 

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